08.01.2020

Beziehung statt Erziehung

Zu Beginn des neuen Jahres habe ich einen etwas älteren Beitrag herausgekramt und ein bisschen überarbeitet 🙂
Dieses Thema wird wohl noch lange und immer wieder präsent und wichtig sein…

Immer wieder erlebe ich, dass ich die Erwartungshaltungen mancher Menschen enttäuschen muss bzw. nicht erfüllen kann. Viele Hundehalter suchen nach einer schnellen Lösung für ein bestehendes Problem mit ihrem Hund. Viele wünschen sich eine schnelle Behandlung von Symptomen. Einige erwarten von mir eine Art Betriebsanleitung für den Umgang mit ihrem Hund an die Hand zu bekommen. Ich soll Hunde trainieren und ihnen etwas beibringen. Nur wird leider oft vergessen oder nicht bedacht, dass Hunde keine Maschinen sind, sondern Lebe-Wesen. Und jedes dieser Lebe-Wesen hat seine eigene Persönlichkeit, eine eigene Geschichte, individuelle Kompetenzen und Fähigkeiten, eine eigene Gefühlswelt. So wie wir Menschen auch.
Warum wir keine „normale Hundeschule“ sind, kannst Du in diesem Blogbeitrag nachlesen.

So, jetzt nehmen wir mal an, wir holen uns einen Welpen oder einen Straßenhund aus dem Ausland in unser Leben oder unsere Familie. In den meisten Fällen ist uns nicht bewusst, dass wir ein Wunder der Natur an die Hand bekommen, in sich gesund und perfekt ausgestattet mit allem, was man zum Leben braucht (das könnte man auch auf ein Kind, ein Pferd oder ein anderes Haustier übertragen).
Und oft schon in den ersten Stunden des Zusammen-Lebens fängt das Dilemma an und ein Teufelskreis beginnt…
Weil wir Menschen vergessen haben, wer wir eigentlich sind und uns selbst so weit von der Natur und unserem Ursprung entfernt haben, fangen wir bewusst oder unbewusst an, an diesem Wunder der Natur herum zu schrauben und es so zu verändern, dass es in unser Weltbild oder unser Schema passt. Dieses Lebe-Wesen soll funktionieren, auf uns hören, bestenfalls alles machen, was wir sagen und bloß nicht auffallen. Wir versuchen also, es in einen Rahmen zu pressen wie ein Designerbild.
Nur, um in diesem Rahmen bleiben zu können, muss dieses Lebe-Wesen weitestgehend aufhören tatsächlich zu leben und kann eigentlich nur noch existieren.

Und damit das Designerbild auch perfekt in den von uns vorgegebenen Rahmen passt, besuchen wir Hundeschulen und Hundeplätze und schleppen unsere Hunde zum Sport, damit sie auch ja genügend ausgelastet sind. Leider bekommen wir so oftmals nicht mit, dass wir diese wundervollen Lebe-Wesen zu abgestumpften Befehlsempfängern degradieren, „Zirkuspferdchen“ aus ihnen machen, in dem wir sie konditionieren und ihnen Kunststücke beibringen. Wir untersagen ihnen, eine eigene Meinung zu haben und selbstständig zu denken. Gefühle zu haben und diese auch zu zeigen, sprechen wir ihnen sowieso ab.  (Eine Aufzählung der Methoden mit denen man all dies erreicht und Hunden Grundgehorsam und Unterordnung beibringt, spare ich mir an dieser Stelle…)
Ohne dass wir es merken, ist nach ein paar Monaten von dem kleinen perfekten Wunder der Natur nichts mehr übrig, das innere Gleichgewicht gekippt… Die Liste der daraus resultierenden Störungen und Krankheiten ist sehr lang, u.a. gehören Verhaltensauffälligkeiten, Allergien und Epilepsie dazu.

Aber hat der kleine Welpe oder Straßenhund aus unserem Beispiel es nicht verdient, gesehen und respektiert zu werden? Als das, was er tatsächlich ist? Und so wie er von Mutter Natur gemeint war?
Warum nur fällt es uns so schwer diesem Lebe-Wesen ein echtes Kontaktangebot zu machen, ihm mit wertschätzender Kommunikation zu begegnen? Warum darf dieses Lebe-Wesen nicht auch einmal nicht einverstanden sein? Warum darf es nicht „nein“ sagen? Warum können wir ihm nicht auf Augenhöhe begegnen und es als gleichwertigen Partner ansehen? Wieso macht es uns so sehr Schwierigkeiten seine Andersartigkeit anzunehmen und zu akzeptieren? Wieso bemühen wir uns immer noch so selten, uns in dieses Lebe-Wesen hineinzuversetzen und es wirklich zu verstehen? Und warum sind wir so wenig fähig, uns in eine Beziehung zu begeben und auf eine echte Partnerschaft einzulassen?
Vielleicht weil wir vergessen haben zu fühlen und uns auch nie jemand gezeigt hat, wie man mit Gefühlen umgeht… Vielleicht, weil wir nie gelernt haben, etwas auszuhalten und uns mit unserem Gegenüber tatsächlich auseinander zu setzen… Vielleicht, weil es unangenehm ist, den Spiegel vorgehalten zu bekommen… Vielleicht, weil in unserer Welt alles perfekt sein und schnell gehen muss… Vielleicht, weil es einfach sein soll und nicht unbequem… Vielleicht, weil wir vergessen haben, wer wir wirklich sind… Vielleicht, weil wir uns dann so Vieles eingestehen müssten… Vielleicht, weil uns die Wahrheit nicht gefällt… Vielleicht weil wir dann hilflos und ohnmächtig fühlen…

Mir tut es in der Seele weh, fast täglich Hunde (und auch Menschen!) zu erleben, die genau diesen Weg hinter sich haben und auch weiter gehen müssen. Hunde, die als Designerbild in einen Rahmen gepresst wurden und keiner jemals gefragt hat, ob sie da rein passen (wollen). Hunde, die jegliches Vertrauen in Menschen und Artgenossen verloren haben. Hunde, die nur noch ein Schatten ihrer Selbst sind und ihre Persönlichkeit irgendwo auf diesem Weg abgegeben haben. Hunde, die gelernt haben, zu funktionieren und ihr Schicksal still (zu) ertragen. Hunde, die bereitwillig Tag für Tag den „Seelenmüll“ ihrer Menschen schultern. Hunde, die trotz all dem gerne bei ihren Menschen sind und diese auch so lange wie möglich begleiten möchten. Hunde, von denen wir lernen können, was es heißt, zu SEIN… Hunde, die soviel zu sagen haben, wenn man ihnen nur wirklich zuhören würde…

Mein Wunsch ist, dass wir Menschen endlich verstehen und würdigen können, was für ein Geschenk wir da an unserer Seite haben. Dass wir endlich anfangen, bei uns selbst zu schauen anstatt immer nur im Außen zu suchen. Dass wir aufhören, anderen die Schuld für unsere Situation zu geben. Dass wir andere nicht mehr für unsere Zwecke (unbewusst) missbrauchen müssen. Dass wir wieder anfangen zu fühlen und bereit sind, uns selbst und unsere Hunde neu kennen zu lernen. Denn genau dann kann eine wundervolle, tragfähige und gesunde Beziehung entstehen und wachsen.
Aus tiefstem Herzen bin ich bereit, Menschen und Hunde mit all meinen Möglichkeiten auf diesem nicht immer leichten Weg zu begleiten und zu unterstützen, vorausgesetzt sie bringen die notwendige Offenheit und Bereitschaft dafür mit!

Mit den besten Wünschen für ein fantastisches 2020 voller neuer und ungeahnter Möglichkeiten sende ich Dir einen herzlichen Gruß!

Deine Franziska

Sag deine Meinung!

Deine E-Mail Adresse wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Benötigte Felder sind durch einen * markiert.

*
*

Folgende HTML Attribute könnten hilfreich seine:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>