14.05.2019

Vom schnellen Erwachsen-werden-müssen unserer Hunde

In unserer heutigen Gesellschaft geht alles sehr schnell…Entwicklung, Fortschritt… alles nach dem Motto „höher, schneller, weiter“… So kann man beobachten, dass es immer mehr Menschen gibt, die in diesen daraus entstehenden Strudel förmlich hineingezogen werden, in diesem Teufelskreis aus Leistung und immer mehr Leistung gefangen sind.
Und so wie wir es von uns selbst verlangen, so verlangen wir es auch von den Wesen, die uns umgeben. So wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir häufig auch mit den Wesen um uns herum um… unseren Kindern, unseren Partnern, unseren Freunden, unseren Tieren und eben auch mit unseren Hunden.
Leider merken oder spüren wir teilweise überhaupt nicht mehr, in was wir da hinein geraten sind. Zu normal ist es geworden. Wir haben uns daran gewöhnt. Daraus wiederum entstehen unbewusste und leider nicht immer gesunde Verhaltensweisen. Dies alles übertragen wir dann auch gerne auf unsere Umwelt…

Kommt Dir das bekannt vor?
Kennst Du das auch, dass Du Dich tagein tagaus in einer Maschinerie wiederfindest und oftmals Dinge tust, die Du unter anderen Umständen gar nicht tun würdest?
Kennst Du das auch, dass Dir in Bezug auf Deinen noch ganz jungen Hund von sämtlichen Seiten Dinge geraten werden, die Du tun sollst, damit Dein Hund auch endlich funktioniert?
Vielleicht bist Du auch unendlich bemüht, es endlich hinzubekommen, dass Dein Hund auch überall „reinpasst“, dass er nicht mehr „auffällt“, dass er sich doch endlich anpasst an diese verquere Gesellschaft…
So wie Du Dich ebenfalls bemühst, endlich so zu sein, wie alle es von Dir erwarten…
Aber sei doch mal ehrlich! Tut Dir das gut? Hast Du den Eindruck, dass das Deinem Hund wirklich gut tut?
Hast Du Dich schon einmal gefragt, ob Ihr nicht manchmal einfach zu schnell unterwegs seid? Ob Ihr nicht manchmal versucht, irgendwelchen vorgegebenen Mustern und Erwartungen anderer zu entsprechen? Und dabei Euch selbst und Eure individuellen Bedürfnisse aus den Augen verloren hast?
In vielerlei Literatur, in Hundeschulen, von sogenannten Hundeprofis kannst Du immer wieder lesen oder hören, dass das so, wie es dort geschrieben steht, wie es dort gesagt wird, absolut richtig ist, einfach so sein muss. Auf die Frage „Warum?“ wirst Du wahrscheinlich nur selten eine Antwort finden…

Jeden Tag neu erlebe ich Hunde und Menschen, die genau deswegen aus ihrem inneren Gleichgewicht geraten sind. Die genau deswegen nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind. Die genau deswegen in einen Dauerstress, in permanente Überforderung geraten sind. Die genau deswegen krank werden oder es bereits schon sind.
Mir fällt immer öfter auf, dass Hunde überhaupt keine Zeit mehr haben für eine ganz natürliche Entwicklung und Reifung! Dass sie keine Möglichkeit bekommen, aus sich selbst heraus zu wachsen und Erfahrungen zu sammeln. Weil sie von Anfang an in eine Schiene gedrückt werden. Von Anfang an irgendwelchen Dingen im Außen entsprechen müssen und sollen. Und Entwicklung und Reifung brauchen nun mal Zeit, unter Umständen viel Zeit!
Und dies ist IMMER ein ganz individueller Prozess.
Dieser Prozess verläuft NICHT innerhalb weniger Wochen und Monate. Nein, er braucht teilweise Jahre! Und genau das sollten wir uns bewusst machen, daran sollten wir uns immer und immer wieder erinnern.

Ein schönes Beispiel kann man sich dabei immer an der Natur nehmen:
Wenn man freilebende Hunde oder Wölfe beobachtet, findet man die allermeisten Dinge, die wir Menschen gerne tun oder glauben tun zu müssen, schlichtweg nicht.
Wenn man die Natur selbst entscheiden lässt, gibt es für alles und jeden immer genügend Zeit und Raum! Dabei ist völlig egal, wie weit vielleicht „die anderen“ schon sind. Ob das nun passt oder nicht. Für das jeweilige Individuum ist es jedenfalls immer passend.
Und so passieren viele Dinge in den ersten Monaten (!) zunächst einmal intern, innerhalb der Gruppe, innerhalb der Familie. Es wird genau darauf geachtet, welcher Welpe oder Junghund für welche Aktivität tatsächlich schon bereit ist. Und genau in diesem Tempo wird vorangegangen.
Jeder einzelne hat dabei immer mentale und körperliche Unterstützung an seiner Seite. Auch durch die Gruppe, mit der er lebt. Niemand wird allein gelassen. Niemand wird weg- oder vorausgeschickt, wenn er genau das noch nicht zu leisten imstande ist.
Nur wir Menschen machen wie so oft dies alles genau anders herum… Wir fordern und konfrontieren, was das Zeug hält. Damit der Welpe oder Junghund in kurzer Zeit möglichst alles und jeden auf dieser Welt kennen lernt und vor allem auch sehr schnell alles kann.
Aber liegen wir damit richtig?

Ist es nicht viel schöner, die Aufgabe, einen jungen Hund ins und durchs Leben zu begleiten, als ein Geschenk zu betrachten? Als eine große Verantwortung? Als etwas sehr Wertvolles?
Ist es nicht schön, einen jungen Hund an die Hand nehmen zu können und ihm ganz liebevoll und in seinem eigenen Tempo alles zu zeigen, was er fürs Leben und seinen Alltag braucht?
Ist es nicht schön, währenddessen beobachten und immer wieder anfühlen zu können, wie es ihm damit geht? Was er vielleicht noch mehr oder weniger braucht?
Und es ist nicht schön, wenn man dabei auch noch selbst etwas lernen und für seine eigene Entwicklung mitnehmen kann?
Und ist es nicht schön, wenn man sich genau dafür einfach Zeit und die nötige Ruhe nehmen kann? Einfach, weil man es selbst entscheiden kann?

Aus meiner Erfahrung ist ein Hund NICHT mit einem Jahr „fertig“ und bereit für die große weite Welt, geschweige denn schon eher. Je nachdem wie man die gemeinsame Zeit gestaltet und wie das individuelle innere Tempo des Hundes ist, kannst Du dafür mal mindest 3-5 Jahre rechnen!
Erschreckt Dich das?
Das musst es nicht! Es zeigt lediglich, wieviel Du Dir von außen bereits hast aufdrücken lassen, was unter Umständen für Dich und Deinen Hund überhaupt nicht passt.
Ich sage Dir jetzt was: Lass und nimm Dir alle Zeit der Welt! Ganz egal, was andere dazu meinen. Ganz egal, wie andere das finden.
Du kannst den Spieß auch einfach mal umdrehen ;-) Lass Dir von Deinem Hund die Welt zeigen und das Tempo vorgeben. Denn keiner weiß besser, als er selbst, was er braucht, was ihm gut tut und was nicht. Und obendrein weiß er das auch sehr gut im Hinblick auf Dich!
Orientiere Dich wieder mehr an der Natur, an Deiner und der Deines Hundes. Damit liegst Du in jedem Fall richtig! Denn keiner hat mehr Recht als die Natur selbst!

Und so möchte ich Dir jetzt noch ein paar Dinge mitgeben, auf die Du gerne einmal achten kannst:
– wie immer muss ich an dieser Stelle schreiben, dass DEIN Bauchgefühl der allerwichtigste Wegweiser überhaupt ist! Was sich nicht gut anfühlt, darfst Du getrost einfach weglassen oder es so verändern, dass Du ein gutes Gefühl dazu hast.

– Wähle Kontakte und Situationen, in die Du Deinen jungen Hund bringst, sehr achtsam aus! Frage Dich immer, wie es Deinem Hund wohl damit geht. Wie es Dir wohl an seiner Stelle jetzt ergehen würde. Denke dabei auch immer längerfristig und nicht nur für die nächsten paar Minuten oder Stunden. Vieles hinterlässt nachhaltig Eindrücke und auch Spuren!

– Achte bei allem immer sehr genau auf die Reaktion Deines Hundes! Vor allem, wie es ihm nach einer Aktion geht. Ist er sehr aufgedreht, hektisch, unruhig, nervös? Fängt er an, in die Leine zu beißen, sich zu knabbern, zu winseln oder zu fiepen?
Hast Du danach das Gefühl, an Deinen Hund überhaupt nicht mehr ran zu kommen? Oder fällt er danach in einen mega Tiefschlaf?
Hier kann es sein, dass etwas zuviel oder einfach nicht gut war!

– Hab immer im Kopf, dass Dein junger Hund mehrere Dinge gleichzeitig wahrnehmen kann und schon allein dies ihn in eine Überforderung oder Reizüberflutung katapultieren kann. Wenn Du dann noch zusätzlich ein paar Dinge von ihm erwartest oder verlangst, kann das unter Umständen nur in die Hose gehen!

– Gestalte also kleine und ganz kurze Einheiten! Und achte darauf, dass Dein Hund danach auch wirklich lange Pause und viel Ruhe hat, um das Erlebte verarbeiten und verdauen zu können. Dies können manchmal mehrere Tage sein!

– Lass Deinen Hund niemals alleine! Schick ihn auch nie von Dir weg, wenn er Deine Nähe sucht, Deine Hilfe und Unterstützung braucht!

– Erhebe IMMER die Stimme für Deinen Hund, wenn Du merkst, dass etwas nicht passt! Lass Dir dabei auch nie etwas anderes einreden! Denn nur Dein Hund und Du, ihr wisst ganz genau, was jetzt gerade Sache ist.

– Nimm Dir für ALLES immer ausreichend Zeit! Lass dafür auch gerne das „wir müssen jetzt mal schnell noch…“ weg. Dein Hund spürt den Zeitdruck und wird dann erst Recht versuchen wollen, es Dir Recht zu machen und schon ist die Überforderung wieder perfekt.

– Achte bei allem, was Du tust, bei allem, was Du von Deinem Hund möchtest, darauf, ob es auch wirklich Sinn macht! Achte darauf, ob genau das jetzt auch wirklich dran und notwendig ist. Oder ob es nicht auch einfach noch ein bisschen warten kann…

– Hör auf, immer alles perfekt und richtig machen zu wollen! Das ist nicht natürlich und damit machst Du Dir und Deinem Hund nur unnötig Stress und Druck. Solange Du bei Dir und in Deinem Gefühl bist, ist das, was Du tust, genau richtig!

– Halt Ausschau nach Menschen, die Dich und Deinen Hund wirklich verstehen und hol Dir dort Unterstützung! Du musst nicht alles alleine schaffen und machen. Es gibt viele Menschen, die an dem genau gleichen Punkt stehen wie Du und vielleicht froh sind, wenn auch sie merken, dass sie nicht alleine sind. Und es gibt tolle Trainer, die Dich und Deinen Hund genau da abholen, wo Ihr beide gerade steht und Euch ein Stück Eures Weges mit ihrem ganzen Herzen begleiten!

Wenn Du diesen Punkten etwas mehr Beachtung schenkst, kannst Du eine Menge Stress für Deinen jungen Hund vermeiden und trägst ein gutes Stück dazu bei, dass seine Entwicklung gesund und natürlich vonstatten gehen kann. Und Du trägst ein gutes Stück dazu bei, dass Dein Hund aus sich heraus alle Fähigkeiten entwickeln kann, die er braucht um in diesem Leben zurecht zu kommen und gesund zu bleiben. Und Du unterstützt ihn außerdem, dass er seine ganz eigene Persönlichkeit, seine innere Kernkompetenz ausbauen , stärken und diese letztendlich souverän leben kann!

Inmitten der heutigen Gesellschaft und all dem, was sie für jedes einzelne Individuum mit sich bringt, liegt es umso mehr in unserer Verantwortung, unseren Hunden die Chance zu geben, so frei wie möglich groß und erwachsen zu werden. Hier sind sie auf unsere Hilfe und Unterstützung angewiesen. Ansonsten gehen sie unter in dem Strudel unserer Gesellschaft, die immer nur nach mehr strebt, anstatt sich auf das Wesentliche und eigentlich Wichtige zu konzentrieren!

Wann immer Du für Deinen Hund Unterstützung brauchst, so bin ich gerne für Euch da!

Alles Liebe wünscht Dir Deine Franziska

*Beitragsbild: Susann Christl